Unterwegs ins Dritte Alter

 

Der brandenburgische Pilgerweg führte einst Millionen Pilger über Berlin zur Wunderblutreliquie nach Wilsnack, von dort weiter über Tangermünde auf einen der Jakobswege nach Santiago de Compostela. Im 14. und 15. Jahrhundert, bis zur Reformation, war Wilsnack, neben Santiago de Compostela, Jerusalem, Rom, Aachen und Einsiedeln, das wichtigste Pilgerziel in Nordeuropa.

Der brandenburgische Pilgerweg führt zuerst durch die Mark Brandenburg, insbesondere durch die Prignitz, die ehemalige Vormark und anschließend zwischen Havel und Elbe durch die Altmark weiter bis in die Hansestadt Tangermünde. Dabei streift der Weg zwei andere historisch bedeutende Hansestädte: Havelberg und Werben.

Über seine Heimatstadt Wilsnack, Ziel des brandenburgischen Pilgerwegs durch Brandenburg, schreibt 1586 der Havelberger Stiftsdekan Matthaeus Ludecus: Eine grosse anzal Völcker aus frembden Nationen / Königreichen und Landen dahin Walfahrten gangen seind. Heute weiß kaum noch jemand von diesem bedeutenden Ort vor den Toren Berlins und der spannenden Route durch Brandenburg nach Wilsnack und an die Elbe.

In sein Tagebuch schreibt H.D. Thoreau am 11. Januar 1862: Manchmal leben wir zu hastig – ja, sinnlos und grob – wenn wir uns etwa dabei ertappen, wie wir unsere Mahlzeit herunterschlingen. In einem gewissen Sinn können wir gar nicht langsam genug leben. Ich möchte nicht so leben, als hätte ich wenig Zeit. Halten wir Schritt mit den Jahreszeiten. Haben wir Muße, auf jede Erscheinung der Natur zu achten und jedem Gedanken, der uns kommt, nachzugehen. Das Leben soll ein gemächliches Voranschreiten sein durch das Königreich der Natur, selbst ihrer hintersten Winkel. So stelle ich mir meine Fußreise auf dem brandenburgischen Jakobsweg vor.
Es gibt viele Theorien über das Gehen, und verschiedene Autoren verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze. Für J.J. Rousseau reinigte das Gehen den Geist und machte ihn frei für neue Gedanken. Das Ziel des Gehens, stimmt ihm Thomas Jefferson zu, ist es, den Geist zu entspannen. Beim Gehen lassen Konzentration und Gedanken nach, die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Gegenstände und Erlebnisse am Weg. Auch für Friedrich Nietzsche gehörten Gehen und Denken zusammen, da die Entspannung des Denkens neue Gedanken fördert. E. Hemingway behauptete von sich, die besten Einfälle beim Gehen zu bekommen.
Von Martin Heidegger ist bekannt, dass er in Todtnauberg, im Hochschwarzwald, täglich den gleichen Weg ging, um sein Denken anzuregen. Diesen Weg kann heute jeder gehen, denn er ist seit 2002 als Martin-Heidegger-Rundweg gekennzeichnet. Sein Sohn Hermann Heidegger erinnert sich an seinen Vater: Es ist das Hören auf die innere Stimme, die in dieser unberührten Landschaft und in dieser Stille möglich war. Mein Vater sagte einmal zu mir: Es denkt aus mir.
Wie Ulrich Grober in seiner Kulturgeschichte des Wanderns erläutert, sind für Heidegger wohnen und wandern komplementär – zwei sich ergänzende Weisen in der Welt zu sein. In Heideggers Hebel – der Hausfreund schreibt er selbst: Denken wir das Zeitwort wohnen weit und wesentlich genug, dann nennt es uns die Weise, nach der die Menschen auf der Erde unter dem Himmel die Wanderung von der Geburt bis in den Tod vollbringen. Diese Wanderung ist vielgestaltig und reich an Wandlungen. Überall bleibt jedoch die Wanderung der Hauptzug des Wohnens als des menschlichen Aufenthaltes zwischen Erde und Himmel, zwischen Geburt und Tod, zwischen Freude und Schmerz, zwischen Werk und Wort, wobei mit Werk das Gehen und mit Wort das Denken gemeint ist.

Die Beziehung zwischen Gehen und Denken beschäftigt auch die wissenschaftliche Forschung: Gehen erhöht die kognitive Leistung. Das Gehirn ist gezwungen, die neue Umgebung zu verarbeiten, und bildet dabei neue neuronale Netzwerke aus. Kreativität wird gefördert, neue Impulse entstehen. Psychiater empfehlen seit langem das Gehen in der Natur bei leichten und mittelschweren Depressionen. Psychotherapeuten gehen mit ihren Patienten spazieren, da das Gehen die psychische Dynamik lockert. Wer in der Umgebung von Parks oder am Waldrand lebt, ist weniger anfällig für Angststörungen und Depressionen. Spaziergänge ersetzen ein Wohnen im Grünen unter Bäumen. Innenarchitekten und Stadtplaner nutzen diese Überlegungen in ihren Konzepten schon seit langem. Grünflächen und Baumbestand in den Städten senken langfristig die Gesundheitskosten einer Gesellschaft.
Unsere Kultur hat sich im 20. Jahrhundert immer weiter von der ursprünglichen Fortbewegung des Homo sapiens, zu Fuß zu gehen, entfernt. Die Nachteile der Fortbewegung mit mechanischen Geräten werden mittlerweile nicht nur in der Medizin diskutiert. Bewegungsmangel führt zu muskulären und Gelenkbeschwerden, zu Kreislaufschwäche, Übergewicht und Erschöpfung sowie zum viel bemühten Burnout-Syndrom. Psychische Störungen, besonders Depressionen, auf die der Verlust von Kreativität und Wertorientierung folgt.
Es geht heute mehr den je um eine entschleunigte Lebensweise, um einen nachhaltigen Umgang mit uns und der Natur in der wir leben, um nur zwei der Leitmotive zu nennen, die der Menschheit eine Zukunft ermöglichen. Bewusst zu gehen, sich langsam und achtsam zu bewegen, ist eine gute Übung für die Lösung der anstehenden Aufgaben, der bevorstehenden Herausforderungen: Solvitur ambulando.
Gehen öffnet! Einen Weg zu Fuß zu gehen verbindet uns auf eine ganz unmittelbare Weise mit der uns umgebenden Landschaft: mit dem Raum, der Landschaft und deren Klima, Flora und Fauna, sowie mit der Zeit, die als verstreichende Dauer subjektiv gedehnt und nicht messbar erlebt wird. Sich für eine Weile unmittelbar in den Raum eingebunden zu spüren, veränderte Perspektiven erleben, Wissen über sich selbst und seine Umgebung zu sammeln: Fußreisen sind mit nichts zu vergleichen.

Pilgern in Brandenburg

Die vollständig überarbeitete und ergänzte Version (einschließlich der Zitatnachweise und Literaturliste) können Sie als digitale pdf-Version bei mir für 10 € bestellen.

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